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zur kritik an anonymisierungsdiensten und warum diese notwendig ist

@leitmedium hat in den letzten tagen drei beiträge zu hatern im netz geschrieben. im ersten dieser beiträge (»Stirb, Du Hure!« – Lasst uns endlich über Einschüchterungskultur statt abstrakter Netzpolitik reden) erklärt er das problem der einschüchterungskultur, warum man sich mit diesem thema auseinandersetzen sollte und warum diese auseinandersetzung wichtiger ist, als andere netzpolitische fragen. der zweite beitrag (Gute Technologie / Schlechte Technologie: Darf man Anonymisierungsdienste kritisieren?) setzt er sich mit der frage auseinander, ob man anonymisierungsdienste kritisieren darf und ob diese nicht dem schutz von menschen vor übergriffen gegenüberstehen. der dritte beitrag fordert anschliessend ein recht auf schutz vor anonymität (»the right to be let alone« – für ein “Recht” auf Schutz vor Anonymität).

mit dieser auseinandersetzung beschäftigt sich allerdings nicht nur @leitmedium, sondern insbesondere von marginalisierung und diskriminierung betroffene gruppen haben auf diese problematik bereits längere zeit immer wieder hingewiesen. all die vorarbeit dieser gruppen darf man nicht vergessen. aktuell erreicht diese debatte nun auch die privilegierten akteure im netz (zum großteil eben weiße männer). ich denke, dass man diesen gruppen eine größere aufmerksamkeit schenken sollte, ihre hinweise, ihre ideen zum umgang, ihre problembeschreibungen verbreiten sollte und ihre stimme verstärken sollte. allerdings nicht immer nur mit der weißen, männlichen hegemonialen reformulierung, sondern durch reposts, retweets und solidarische unterstützung.

auf den beitrag Gute Technologie / Schlechte Technologie: Darf man Anonymisierungsdienste kritisieren? hat @frank_rieger mit einem plädoyer für anonymisierungsdienste reagiert (Anonymitätsdienste und asoziales Verhalten).

in dieser debatte scheint mir jedoch aneinander vorbeigeredet zu werden. während @frank_rieger daraus eine debatte um das verhältnis zwischen dem schutz des einzelnen vor dem staat und stalkern macht, unterstellt er @leitmedium, dass hier eine möglichkeit der strafverfolgung gefordert wird.

Möchte einer der Spackeria-Streiter diesen Frauen erklären, dass sie das Internet dann eben nicht mehr benutzen können? Dass sie leider Pech gehabt haben und dass der Spackeria-Anspruch, Idioten mit beleidigenden Kommentaren identifizieren zu können, schwerer wiegt, als das Recht auf körperliche Unversehrtheit? Dass der Rechtsstaat sie schon schützen wird, wenn der besoffene Ex mit der Eisenstange vor der Tür des Frauenhauses lauert und sie abpasst?

mir scheint dies überhaupt nicht zur eigentlichen debatte zu passen. es geht nicht um strafverfolgung und auch nicht darum, dass man die hater offenlegt. für viele betroffene ist dies ebenfalls nicht von interesse. sie wollen einfach ohne solche kommentare, beleidigungen und bedrohungen an dieser gesellschaft teilhaben. und dies ist völlig fraglos ihr recht.

dies ist keine frage nach der sinnhaftigkeit von tools. tor wird dabei keineswegs gänzlich in frage gestellt. für viele betroffene sind genau diese tools sehr relevant. es scheint doch viel mehr eine frage des umgangs miteinander im netz zu sein. hin und wieder habe ich hinweise darauf gelesen, dass es mit der nettiquette genau diese auseinandersetzung und auch das problem der hater bereits in frühesten zeit des internet gab.

diese hinweise helfen aber dann nicht, wenn man von hatespeech betroffen ist und sich nur mit dem rückzug aus dem netz davor schützen kann, wenn man aus gesellschaftlichen diskursen gemobbt wird. worum es geht, ist die möglichkeit sich vor den nutzern von anonymisierungsdiensten schützen zu können. das eindringen dieser in die eigenen diskursräume zu verhindern. und diesen schutz möglichst niederschwellig zu ermöglichen. danilo campos hat einige möglichkeiten mit blick auf twitter formuliert.

diese filtersouveränität, diese möglichkeit sich zu schützen und sich auch innerhalb des netzes zurückziehen zu können, sind wichtige teile der mediatisierung unserer welt.

die auseinandersetzung von @frank_rieger mit den überlegungen von @leitmedium scheinen mir dabei übermäßig in einen konflikt gepusht. denn letztendlich fordern beide möglichkeiten gesellschaftlicher teilhabe ohne mit hatespeech konfrontiert zu werden.

für @frank_rieger ist es die frage nach einem zivilisierten diskurs, der jedoch den ausschluss einiger potentieller teilnehmer erfordert.

Es gibt dadraußen einfach jede Menge Leute mit bösem Willen, psychischen Problemen oder einer aufgestauten Menge Groll und Wut, die sie die Grundregeln des zivilisierten Miteinanders mißachten lassen. Das war schon immer so. Nur würde in der physischen Welt auch niemand auf die Idee kommen, eine zivilisierte Debatte über Geschlechtergerechtigkeit oder Flüchtlingsrechte in einem Stadion zu führen, in dem jeder der möchte ein Megafon in die Hand bekommt. Diskurse im Sinne eines produktiven, inhaltlich vorranbringenden Austausches von Meinungen und Ideen, der im besten Fall zu einer Weiterentwicklung und Synthese neuer, guter Gedanken führt, bedurften schon immer einer gewissen Segregation von den Schlammhirnen, denen nichts an intellektueller Weiterentwicklung liegt. Wir werden im Netz Mittel und Wege entwickeln müssen, um dies wieder zu ermöglichen.

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für @leitmedium ist es die möglichkeit sich vor nutzern von anonymisierungsdiensten zu schützen, die diese für hatespeech missbrauchen.

für diesen schutz brauchen wir kritik an anonymisierungsdiensten und auch an anderen diensten. denn diese bringen eine jeweils eigene policy mit und gestalten damit die möglichkeiten des diskurs. und darüber müssen wir uns gedanken machen, damit all die, die an diskursen teilnehmen möchten, dies auch tun können, ohne bedrohungen zu erleben. und diese perspektive darf nicht nur auf die eigenen möglichkeiten der digitalen selbstverteidigung verweisen, sondern muss auch von denen, die technik entwickeln und dort entsprechende expertise mitbringen mitgedacht werden.

wir brauchen möglichkeiten uns zu schützen, möglichkeiten eine stimme auch dann zu haben, wenn sie uns von machtvollen instanzen verbieten wollen. dazu gehört die möglichkeit anonym und pseudonym kritik an staat, medien und strukturen zu äußern. vor allem und zu erst für diejenigen, die unterdrückt, benachteiligt und diskriminiert werden.

wir brauchen aber auch die möglichkeit uns zu schützen, wenn anonym und pseudonym unterdrückung geschieht, beleidigt wird und menschen bedroht werden. wir brauchen die möglichkeit die tür vor denjenigen zu schließen, die in unsere räume eindringen wollen. und darum müssen wir über anonymisierungsdienste reden. denn diese ermöglichen es immer wieder, dass es trotz geschlossener türen hatern gelingt in räume einzudringen.

netzgemeinde™ – wir sind nicht gleich

@miinaaa hat nach ihrem vortrag auf der #om13 (video/folien) noch einmal zu dem thema netzgemeinde und digitaler ungleichheit gebloggt. das thema ist unglaublich wichtig. und ich kann die forderung von @miinaaa gut nachvollziehen. diese meine ich:

Also los: inklusiver schreiben, Fachwörter erklären, Leute abholen. Mal ein bisschen links und rechts schnuppern. Bündnisse dort suchen, wo man sie nicht erwartet. Und nicht einfach annehmen, “die anderen” würden sich nicht für “unser” Netz interessieren. Ich bin mir sicher, dass eine 16jährige ohne Twitter-Account sich genauso leidenschaftlich auf die Straße stellt und gegen Überwachung demonstriert, wie Piratenpolitiker_innen – vorausgesetzt, wir binden sie ein. Wenn “wir” das nicht tun, können wir noch x Texte schreiben, die sich immer wieder um uns selbst drehen, wir können klagen und wehen und uns auf den Boden werfen – es wird einfach irrelevant bleiben.

allerdings sehe ich da doch noch einige schwierigkeiten mehr, als sich versuchen anzunähern. @miinaaa führt bourdieu an. dieser hat mit dem konzept der distinktion auch schön herausgearbeitet, wo überall hürden liegen und warum diese so schwer zu überwinden sind.

ich habe in einem artikel für die merzWissenschaft versucht dieses konzept aufzugreifen und als pädagogisches problem von richtig und falsch zu thematisieren. wenn es darum geht, dass man “eine 16jährige ohne Twitter-Account” dazu bringen möchte, dass sie auch auf die straße geht, dann möchte man sie ja davon überzeugen, dass dies richtig ist. hier ist man schnell bevormundend bzw. weiß besser, was menschen mit ihrem jeweiligen habitus wichtig ist. dies resultiert unter anderem aus dem habitus. dieser führt eben auch dazu, dass man sich nicht immer versteht bzw. in die lebenswelten anderer menschen entsprechend eindringen kann.

letztendlich geht es mir keineswegs darum, dass ich den vorschlag von @miinaaa ablehnen würde. vielmehr sollten wir als netzgemeinde ™ neben dem versuch möglichst viele menschen zu erreichen auch die ursachen weiter verfolgen, warum das vielleicht nicht gelingt. wo andere interessen, sorgen und bedürfnisse an das netz liegen.

sich mit distinktionsprozessen zu befassen scheint mir dabei ein relevanter punkt zu sein. sowohl in der netzpolitik der netzgemeinde, als auch in der forschung. insbesondere, da die konzepte der sogenannten omnivore sind da spannend. vor allem wenn es darum geht, dass man sich innerhalb von gesellschaftlichen hierarchien nach unten öffnet. spannend ist da vor allem andreas gebensmair “renditen der grenzüberschreitung” von 2004.

eine grenzüberschreitung ist zumeist nur von “oben” nach “unten” im rahmen gesellschaftlicher hierarchien möglich. und davon profitieren diejenigen, die bereits oben sind. zugleich ist natürlich ein fahrstuhleffekt ebenso möglich, von dem letztendlich alle profitieren.

@miinaaa hat da eine wichtige debatte angestoßen, die man nun auf jeden fall weiterführen sollte. denn sie ist wichtig. zum einen um netzpolitik zu gesellschaftspolitik zu machen und auch um soziale ungleichheiten (digitale ungleichheit ist ja auch nur eine variante davon) nicht aus dem blick zu verlieren. das netz hat sein versprechen gebrochen. es löst ungleichheiten keineswegs auf. es reproduziert sie. und das sollte netzpolitik im auge behalten.

wir sollten innerhalb der netzgemeinde genau darüber reden. und eben auch mit den lesern und kommentatoren auf bild.de.

antworten habe ich noch keine. aber viele fragen. und ich sehe den beginn einer wichtigen debatte.

links vom 17.09.2013

    Netzpolitik: Sprengt die goldenen Digital-Käfige! | ZEIT ONLINE
    @kattascha über das netz und unterschiedliche dienste dort als infrastruktur. ich habe darüber auch schön einmal nachgedacht.allerdings bin ich sehr unsicher, ob wir facebook zur infrastruktur machen sollten. selbst wenn es dezentral wäre. vermutlich muss man dazu noch einige argumente austauschen.

    Das öffentliche Leben findet zunehmend im Netz statt. Wir dürfen nicht zulassen, dass dieses Netz weiter zu einer Shopping-Mall mit privatem Sicherheitsdienst degeneriert. Das Internet ist nicht primär Markt, sondern zu allererst kritische Infrastruktur der digital vernetzten Demokratie. Deshalb müssen wir es beschützen mit allen politischen Mitteln, die wir haben.

    Identitätsmanagement: Das neoliberale Selbst – Überwachung – FAZ
    neoliberale identität im internet. allerdings nicht nur dort. vertiefend bietet sich dazu focault mit seiner idee von gouvernementalität.

    Hubertus Kohle: Für Open Access in den Geisteswissenschaften
    hubertus kohle über open access in den geisteswissenschaften. für die sozialwissenschaften dürfte es da einige parallelen in den vorteilen geben.

Links vom 24.05.2012 bis 03.06.2012

Neue Links die man sich mal anschauen sollte vom 24.05.2012:

Flaschenhersteller sollen für Wein bezahlen?

Ich lese gerade “Unbegründete Sorgen anlässlich des Leistungsschutzrechts” von Christoph Keese. Der Artikel stellt eine Replik auf einen Artikel von Kai Biermann auf zeit.de

Der Artikel von Kai Biermann entwickelt mit 4 Argumenten einen Entwurf der Probleme eines Leistungsschutzrecht.

Das erste Argument bezieht sich dabei auf die bisher kostenlosen Inhalte von Verlagen. Es sei nun nicht nachvollziehbar, warum man dafür nachträglich Geld haben wolle.

Das zweite Argument bezieht sich auf die Gefahr des Kopierens von Inhalten. Dieser könne jedoch bereits mit dem aktuellen Urheberrecht reagiert werden.

Das dritte Argument wirft den Vertretern des Leistungsschutzrechts Verlogenheit vor. Insbesondere, da nicht die Urheber, sondern die Verlage von diesem Recht profitieren. Dabei werden die Urheber vorgeschoben, um dieses Leistungsschutzrecht zu legitimieren.

In seinem vierten Argument beschreibt Biermann die Gefahr von nicht mehr frei verwertbaren Nachrichteninhalten und dem damit eingeschränkten freien Fluss von Informationen.

Christoph Keese reagiert in seinem Artikel auf Kai Biermann.

Dabei greift er die einzelnen Argument auf. Und entgegnet auf den Hinweis, dass die Inhalte kostenlos im Netz seien und die Verlage nicht selbst die Aggregatoren entwickelt hätten:

“Verlage produzieren Inhalte, oder um einen Vergleich zu bemühen: Verlage stellen den Wein her, nicht die Flaschen. Es hat sich heraus gestellt, dass mit Flaschen derzeit mehr Geld zu verdienen ist als mit Wein. Sollte man deswegen den Wein aufgeben und auf Flaschen umsatteln? Ich fände das falsch. Besser ist es, weiter zu versuchen, mit Wein Geld zu verdienen. Dazu gehört auch, aber natürlich nicht nur, vom Flaschenhersteller etwas Geld für den Wein zu bekommen.”

Ich bin mir nicht sicher, aber meines Erachtens nach, kaufen Weinhersteller die Flaschen beim Flaschenproduzenten ein, oder? Allerdings reden wir hier von zwei Produkten. Vielmehr klingt hier an, dass der Weinhersteller Geld dafür haben möchte, dass der Händler im Prospekt den Wein anpreist. Und der Weinhersteller will Geld haben, ohne dass der Händler bisher eine Flasche Wein verkauft hat. Der Weinhersteller verschenkt seinen Wein sogar am Herstellungsort. Und der Händler, der darauf hinweist, der soll dafür zahlen.

Auf das zweite Argument entgegnet Keese, dass Aggregatoren eben nicht dafür zahlen, dass sie Inhalte ausliefern. Dieses Argument ist nachvollziehbar, insbesondere die Aggregatoren, die damit Geld verdienen, indem sie die Inhalte weitergeben. Aber genau dieser Fall sollte eben abgedeckt sein. Das es hier eben eine bestehende Rechtslage gibt, wird von Keese ignoriert.

Seine Reaktion auf Biermanns drittes Argument ist, dass die Verleger selbstverständlich mit den Urhebern über die Inhalte verhandeln werden und auch die Journalisten am Leistungsschutzrecht verdienen werden. Hier kann man ja mal abwarten, was in Zukunft möglich sein wird.

Dem letzten Argument wird entgegen gehalten, dass es eben bereits jetzt schon nicht erlaubt ist, Inhalte zu kopieren, die journalistisch aufbereitet sind. Die Nachricht selbst bleibt weiterhin frei.

Spannend ist der Schluss von Keeses Artikel, in dem er eine Entgegnung auf Abschlussfrage von Biermann formuliert. Biermann fragt danach, ob es wohl wahrscheinlicher ist, dass Google News eingestellt wird oder ob Google Geld an die Verlage ausschüttet.

Keese entgegnet, dass

“Produkte, die darauf angewiesen sind, Leistungen von Lieferanten kostenlos in Anspruch zu nehmen, sind nicht marktfähig. Umgekehrt setzen Lieferanten zumeist Preise, die ihren von Kunden bezahlt werden können. Es gibt keinen Grund, warum dieser normale Mechanismus nicht auch auf diesem Markt greifen kann.”

Wie war das mit der Flasche und dem Wein?

Mir leuchtet dabei keineswegs ein, warum man für Verlinkungen Geld zahlen sollte. Und als ein “normaler” Kunde, profitiere ich von diesen Angeboten. Ich möchte gerne bei Suchmaschinen schnell auf die wichtigen Meldungen hingewiesen werden. Ich möchte Angebote vieler Anbieter an zentraler Stelle sehen können. Es ist dabei keineswegs Faulheit die einzelnen Verlagsseiten auf der Suche nach einer Meldung anzusurfen. Insgesamt wird vermutlich eher der soziale Austausch gefördert werden. Facebook, Twitter & Co. sind bereits News-Aggregatoren. Diese leiten mich in weiten Teilen zu den Artikeln, die ich lese. Google News nutze ich für spezielle Infos, die ich Suche. Wenn ich ein Schlagwort recherchiere.

Ich bin gespannt, wann und wie ein LSR kommt. Und was ist die Alternative? Das Google die Verlage nicht mehr listet? Das fände ich im Interesse der Informationsfreiheit sehr schade. Damit würden mir einfach viele Quellen verloren gehen. Eine Neuregelung des Urheberrechts scheint mir auch hier dringend notwendig und wichtig. Aus meiner Perspektive geht es um den Zugang zu Informationen für die Menschen. Diesen gilt es zu erhalten. Dieser bringt uns den Fortschritt. Insbesondere, wenn es um aktuelle Inhalte geht.

Die Auswirkungen auf das Zitatrecht und auf Blogs die Werbung einblenden sind mir noch völlig unklar. Ich befürchte aber schlimmes…

EDITH: Bei opalkatze.wordpress.com gibt es weitere Links zum LSR

 

Links vom 24.02.2012

Neue Links die man sich mal anschauen sollte vom 24.02.2012