"Der Bildschirm ist mir immer zu klein" (soziopolis.de)

Paula-Irene Villa Braslavsky im Gespräch mit Wibke Liebhart. Über das akademische Schreiben. 

"Ich finde akademisches Schreiben generell ziemlich mühsam. Es fällt mir schwer, zum einen, weil sich dabei eine ungeheure Intensität entfalten kann, zum anderen, weil es eine serielle Tätigkeit ist. Das heißt, ich muss etwas in eine serielle Gestalt bringen, das für mich überhaupt nichts Serielles ist: Denken, Erkenntnis, Argumentation, Auseinandersetzung mit Wissen. Beim Schreiben muss immer ein Wort auf das nächste folgen, ein Satz kommt nach dem anderen. Dadurch entsteht ein Druck zu einer linearen Form, die mir zuwider ist, weil sie nicht dem entspricht, wie ich denke und wie ich argumentieren möchte. Das widerstrebt mir, weil es meine Lust an der Erkenntnis auch nicht widerspiegelt. Das Schreiben nötigt mir also eine mich befremdende Form auf. Das ist aber zugleich die Stärke des Schreibens, diese Befremdung und die Äußerlichkeit. So ein Korsett kann eben auch etwas Stützendes sein, etwas, das einen trägt, in dem eine Position eingenommen wird. Schreibkonventionen helfen auch, nicht jedes Mal neu überlegen zu müssen, was jetzt das nächste Wort sein soll."

Thomas Mann: Der Autor und sein Homeoffice | ZEIT ONLINE

eine schöne bestandsaufnahme zur routine von thomas mann.

Stattdessen reichen die Aufstehzeiten oft von sieben bis zehn (!), von "sehr früh auf" und "versehentlich um 7 auf" über "zu spät auf", "zu spät auf, verschlafen" bis hin zu "zu lange geschlafen" und "lange geschlafen, mehrfach ins Bett zurückgekehrt". Die "Arbeitsstimmung" ist mal "lebhaft" und "eifrig", viel öfter aber "mühsam", "versucht", "ohne Freude", "verdrossen" und "gequält". Die sagenumwobenen drei nobelpreisträchtigen Stunden schrumpfen hier unter der Schreibhand auf eine Stunde oder anderthalb zusammen, in denen oft "wenig" oder "leidlich" gearbeitet wird, mitunter auch einfach "fruchtlos", "ergebnislos" oder gar nicht. Darin mischen sich Scheu und Zweifel mit "vergeblichen Versuchen" und gelegentlicher "Arbeitserwärmung". Wie bei jedem Gerücht gibt es auch hier eine Menge Ablagerungen und Weitererzählungen um einen wahren Kern. Die Wahrheit ist: Es gab diese Routine. Aber nur als Wunsch.